Der Umgang mit Naturgefahren im alpinen Raum

Es ist Juni. Heiß, schwül, die Luft dampft und mächtige Quellwolken entstehen über den Bergen Tirols. Heftige Gewitter (“Unwetter”) ziehen auf, mangels Höhenwind verweilen sie vielerorts lange an ihrem Standort. Zu lange für manche Gegenden – der Boden kann die Wassermassen nicht mehr aufnehmen, Hänge erodieren und geraten in Bewegung. Soweit nichts Ausgewöhnliches, da derartige Ereignisse immer wieder auftreten. Und dennoch sind immer öfter das medial kolportierte Schadensausmaß, vor allem aber die Reaktionen darauf erschreckend. Die Natur gibt wieder einen Warnschuss vor den Bug ab. Aber auf dem Schiff versteht keiner, was damit gemeint ist.

Der Ortsteil Schaller in der Gemeinde See ist Anfang Juni besonders heftig von den Unwettern betroffen worden. Im Schatten des hart verbauten Schallerbaches wähnte man sich in Sicherheit, widmete fleißig Bauland und nahm somit den Druck von den landwirtschaftlichen Flächen in weniger gefährdeten Bereichen heraus. Ein fataler Irrtum.

Neues Einfamilienhaus im Ortsteil Schaller in der Tiroler Gemeinde See (Foto: Tiroler Tageszeitung)

Aber was lernt man daraus? Die Häuser werden an gleicher Stelle wieder aufgebaut, der Hochwasserschutz verstärkt.

Für die Wiederherstellung von Wohnungen und Eigenheimen wird außerdem ein Sonderförderungsprogramm im Rahmen der Wohnbauförderung und der einkommensunabhängigen Wohnhaussanierung aufgelegt. Was die Behördenverfahren zur Wiederherstellung von Infrastrukturen und für erforderliche neue Schutzbauten anlangt, verspricht Platter eine „rasche, effiziente und zielgerichtete Durchführung“.

So die offizielle Mitteilung der Landeskorrespondenz.

Das nächste Schadensereignis ist damit vorprogrammiert, die Eintretenswahrscheinlich lediglich eine Frage an die Statistik. Ökonomisch, ökologisch und auch sozial nachhaltiger wäre es gewesen, die örtliche Raumordnung in der Gemeinde neu aufzustellen und derartige Gefahrenbereiche von jeglicher Bebauung auszusparen.

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Aus der Planungsgeschichte lernen …

Das Archiv ist bekanntlich die gefürchtetste Waffe der Journalisten gegenüber Politikern. So dramatisch ist es im Fall der viel diskutierten Trassenführung der neuen Patscherkofelbahn zwar nicht, aber dennochist wie so oft ein Blick in die Geschichtsbücher durchaus lehrreich.

Auch die Planer der bestehenden Seilbahn standen seinerzeit vor der Aufgabe, eine windstabile Seilbahntrasse zu finden. Der Föhn wehte auch schon vor hundert Jahren, aufgrund der größeren Almweiden am Berg sogar noch ungezwungener als heute. Eine Bergstation auf dem Gipfel schied daher bereits von vornherein als Endpunkt aus, würde darunter doch der Betrieb der ganzen Anlage an deutlich weniger Tagen möglich sein. Die geplante Trasse schmiegte sich damit an die Nordseite des Berges, duckte sich geradezu vor dessen Westkante um dem Südföhn nur ja keine Angriffsfläche zu bieten und endete schließlich auf dem Grünbichl (geologisch gesehen der eigentliche Patscherkofelgipfel). Interessant ist, dass die favorisierte Trassenführung ihren Ausgangspunkt am Endpunkt der Straßenbahnlinie 6 hatte und bereits damals ein “Knick” östlich der Badhaussiedlung (Römerstraße, Schiwiese) eingeplant wurde. Geht technisch nicht meinten dazu übrigens die “Experten” im Patscherkofelbeirat. 2015 wohlgemerkt, denn vor 100 Jahren war es technisch möglich.

Trassenführung Patscherkofelbahn

Granichstaedten-Czerva, R.: Führer durch Igls und Umgebung, Wagner’sche Universitäts-Buchhandlung, Innsbruck, 1925

Die Igler hatten damals keine rechte Freude mit dieser Trassenführung da zu befürchten war, dass die Bahngäste direkt von der Straßen- in die Seilbahn wechseln würden. Zusätzliche Frequenz für die örtliche Gastronomie und Gewerbe versprach da schon viel mehr die letztlich umgesetzte Lösung: die Endpunkte beider Transportsysteme wurden etwas auseinander gelegt, sodass der (Fuß)Weg zwischen den Stationen unweigerlich an einer Milchbar, Cafés und Gasthäusern vorbeiführte und so für Umsatz sorgte.

Klingt simpel, ist nachvollziehbar und funktioniert selbst heute noch so gut, dass viele Fremdenverkehrsorte wieder vermehrt dieses Konzept für sich entdecken. Viele, aber nicht alle. Vor allem die Tourismusdestination Innsbruck nicht. Was seinerzeit ohne selbsternannte und gut bezahlte Experten der Wirtschaftskammer und Beschneiungsindustrie, ohne Beiräte, Schiverbände und Bündnisobleute etc. – geplant wurde, muss jetzt dem Mobilitätsdenken der spätpubertierenden Generation der Motorisierungswelle der 50er und 60er Jahre weichen. Raus aus dem Ort lautet die Devise, die Erreichbarkeit mit dem PKW scheint immer noch in den Köpfen als Erfolgsgarant zu gelten. Für die sozialen Randgruppen gibt es den Bus.

Dabei bräuchte es nur eine gute Portion Hausverstand zum Verständnis der Anforderungen und gegenseitiger Wirkungszusammenhänge um die Sinnhaftigkeit der einstigen Trassenüberlegungen zu verstehen und wieder aufleben zu lassen. Zum Vorteil der gesamten Tourismus- und Wirtschaftsregion im Tiroler Zentralraum. Nicht nur – aber auch – jener in Igls.