Projekt kunsthalle1800 – oder: vom Wert der Natur …

Das Projekt kunsthalle1800 RESORT des Hospiz St. Christoph / Arlberg beinhaltet 16 Suiten sowie eine unterirdische Halle mit Konzertsaal, Ausstellungsraum und Studio. Ein Projekt, in dem Gerüchten zu Folge viele Mio. EUR betuchter Adeliger und sonstiger Prominenz stecken, dessen Umsetzung aber schon in der Genehmigungsphase immer wieder auf Grenzen gestoßen ist. Etliche Male wurden kiloweise Einreichunterlagen ausgetauscht, da die darin beschriebene Planung technisch nicht genehmigungsfähig bzw. mangelhaft war. Seit letztem Sommer wird aber gebaut. Und wie.

Das benachbarte Hochmoor – immer die heilige Kuh des Naturschutzes in den Verhandlungen – ist im Mai 2015 im wahrsten Sinne des Wortes unter die Räder gekommen. Hätte es zwar nie und nimma dürfen, aber ohne Moor in der Nachbarschaft arbeitet es sich halt leichter. Sagt der Bauleiter. Recht hat er.

Er habe gar nicht versucht um Genehmigung anzusuchen, weil er diese ohnehin nicht bekommen hätte. Also hat er die Anweisung gegeben, das Moor mit viel Schotter und Baumstämmen zu einer Fahrstraße aufzuschütten, den Bach in ein kurzfristig in den Randbereich des Moores gebaggerten Graben zu verlegen und den Schnee auf der Baustelle samt dem darauf befindlichen Baustellenabfall auf die Restfläche zu schieben. Nein, Abdeckung wurde unter dem Schotter keine aufgebracht. Wozu auch – hätte jemand das Moor noch gebraucht? Die Schuld nimmt er gerne auf sich. Was auch sonst, er steht dazu.

Die Bezirkshauptmannschaft Landeck wird ein Strafverfahren einleiten, ein paar Tausender werden bestenfalls zu berappen sein. Ein nicht weiter zu erwähnender Klacks im Vergleich zur Gesamtsumme an Geld, die hier vergraben und verschoben wird. Dementsprechend gelassen auch die Reaktion auf der Baustelle. Und natürlich wird es auch eine Wiederherstellungsverpflichtung geben – aber, wie stellt man ein Hochmoor wieder her? Jetzt, wo’s doch (endlich) weg ist, lässt sich der Platz doch sinnvoller nutzen, oder?

Da, wo jetzt Bauschutt und Fahrstraße sowie dreckiger Schnee liegen war bis Anfang Mai ein Hochmoor. Ein paar (Torf)Reste finden sich noch auf Haufen verteilt am Rande der Baustelle. Nur so, zur Info, falls jemand was brauchen sollte für den eigenen Garten oder Balkonkistchen. Dort oben braucht das Zeug sicher niemand. Oder doch? Interessiert sich vielleicht jemand in der Öffentlichkeit oder Politik für sowas?

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Aus der Planungsgeschichte lernen …

Das Archiv ist bekanntlich die gefürchtetste Waffe der Journalisten gegenüber Politikern. So dramatisch ist es im Fall der viel diskutierten Trassenführung der neuen Patscherkofelbahn zwar nicht, aber dennochist wie so oft ein Blick in die Geschichtsbücher durchaus lehrreich.

Auch die Planer der bestehenden Seilbahn standen seinerzeit vor der Aufgabe, eine windstabile Seilbahntrasse zu finden. Der Föhn wehte auch schon vor hundert Jahren, aufgrund der größeren Almweiden am Berg sogar noch ungezwungener als heute. Eine Bergstation auf dem Gipfel schied daher bereits von vornherein als Endpunkt aus, würde darunter doch der Betrieb der ganzen Anlage an deutlich weniger Tagen möglich sein. Die geplante Trasse schmiegte sich damit an die Nordseite des Berges, duckte sich geradezu vor dessen Westkante um dem Südföhn nur ja keine Angriffsfläche zu bieten und endete schließlich auf dem Grünbichl (geologisch gesehen der eigentliche Patscherkofelgipfel). Interessant ist, dass die favorisierte Trassenführung ihren Ausgangspunkt am Endpunkt der Straßenbahnlinie 6 hatte und bereits damals ein “Knick” östlich der Badhaussiedlung (Römerstraße, Schiwiese) eingeplant wurde. Geht technisch nicht meinten dazu übrigens die “Experten” im Patscherkofelbeirat. 2015 wohlgemerkt, denn vor 100 Jahren war es technisch möglich.

Trassenführung Patscherkofelbahn

Granichstaedten-Czerva, R.: Führer durch Igls und Umgebung, Wagner’sche Universitäts-Buchhandlung, Innsbruck, 1925

Die Igler hatten damals keine rechte Freude mit dieser Trassenführung da zu befürchten war, dass die Bahngäste direkt von der Straßen- in die Seilbahn wechseln würden. Zusätzliche Frequenz für die örtliche Gastronomie und Gewerbe versprach da schon viel mehr die letztlich umgesetzte Lösung: die Endpunkte beider Transportsysteme wurden etwas auseinander gelegt, sodass der (Fuß)Weg zwischen den Stationen unweigerlich an einer Milchbar, Cafés und Gasthäusern vorbeiführte und so für Umsatz sorgte.

Klingt simpel, ist nachvollziehbar und funktioniert selbst heute noch so gut, dass viele Fremdenverkehrsorte wieder vermehrt dieses Konzept für sich entdecken. Viele, aber nicht alle. Vor allem die Tourismusdestination Innsbruck nicht. Was seinerzeit ohne selbsternannte und gut bezahlte Experten der Wirtschaftskammer und Beschneiungsindustrie, ohne Beiräte, Schiverbände und Bündnisobleute etc. – geplant wurde, muss jetzt dem Mobilitätsdenken der spätpubertierenden Generation der Motorisierungswelle der 50er und 60er Jahre weichen. Raus aus dem Ort lautet die Devise, die Erreichbarkeit mit dem PKW scheint immer noch in den Köpfen als Erfolgsgarant zu gelten. Für die sozialen Randgruppen gibt es den Bus.

Dabei bräuchte es nur eine gute Portion Hausverstand zum Verständnis der Anforderungen und gegenseitiger Wirkungszusammenhänge um die Sinnhaftigkeit der einstigen Trassenüberlegungen zu verstehen und wieder aufleben zu lassen. Zum Vorteil der gesamten Tourismus- und Wirtschaftsregion im Tiroler Zentralraum. Nicht nur – aber auch – jener in Igls.